Meinung

Smart Glasses: Die KI-Datenbrille ist nicht die Zukunft – sondern eine Warnung

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Einer der aktuellen Trends, dem fast alle großen und viele nicht ganz so großen Marken der Technik-Branche gerade folgen, sind sogenannte Smart Glasses. “Intelligente” Brillen, oft mit Kamera, meistens mit Bildschirmen in den Gläsern, gelegentlich mit Kopfhörern und so gut wie immer mit irgendeiner Form von KI. Marktführer und aktuell am bekanntesten ist die Ray-Ban Meta; andere Namen der Branche lauten Even Realities, Rokid Glasses und Snap Spectacles.

Der Brille kann man dann Fragen stellen; man kann sich Unterhaltungen übersetzen lassen (in variierender Qualität); man kann Texte lesen, Videos schauen und sogar Daten verarbeiten auf den kleinen Screens direkt vor den Augen; man kann eintauchen in die Augmented Reality, in der zusätzliche Informationen und Bilder direkt in die Welt vor einem projiziert werden. Und man kann natürlich Fotos und Videos aufnehmen. Alles unsichtbar, selbst für die Person, die direkt neben einem steht.

Wir müssen nicht viele Jahre zurückgehen, da hätte man diese Brillen als nichts weniger als ein Wunder der Technik bezeichnet. Selbst heute, wo Chips immer kleiner werden, die Technik längst etabliert ist und es nur noch um Feintuning und Optimierung der Nutzerfreundlichkeit geht, sind es beeindruckende Geräte. Als jemand, der mehrere solcher Brillen ausprobieren konnte, muss auch der Autor dieses Textes das anerkennen.

Und dennoch glaube – und hoffe – ich, dass das nicht die Zukunft ist und diese Brillen nicht das Zeug haben, das Smartphone als wichtigsten, alltäglichen Begleiter und Schnittstelle zwischen dem Physischen und dem Digitalen abzulösen.
Ich glaube das, weil die Brillen bei genauerer Betrachtung ziemlich nutzlos sind.
Ich hoffe das, weil sie meiner Meinung nach sinnbildlich für eine noch größere und besorgniserregende Entwicklung in der Tech-Branche stehen, an deren Ende der Untergang der Menschheit wartet. Okay, vielleicht nicht wortwörtlich, aber sinnbildlich. Am Ende dieses Textes wird hoffentlich klar, was mit dieser überspitzten Formulierung gemeint ist.

Smart-Brillen sind maximal Nischen-Produkte

Die Frage, die man sich stellen muss, ist nicht, was ein Stück Technik kann, sondern wozu man es in der Praxis auch tatsächlich nutzt. Zugegeben, oft weiß man das erst, nachdem das Produkt auf dem Markt ist und man sieht, wie Menschen damit interagieren.
Man kann Filme auf dem Bildschirm einer Smartwatch anschauen. Man kann auf dem Browser seines Smart-TVs per Fernbedienung und Bildschirmtastatur online Dokumente ausfüllen. Man kann mit dem Auto zum Nachbarn zwei Häuser weiter fahren. Man kann einen Nagel mit einem Schraubenzieher oder einem Vorschlaghammer in die Wand hämmern.

Alles davon ist mit Umständen verbunden, ist entweder unnötig kompliziert oder absoluter Overkill und für alles gibt es Alternativen, mit denen es weitaus besser funktioniert. Womit zu smarten Brillen mit Bildschirmen in dieser Hinsicht schon fast alles gesagt ist.

Wer auf einen Bildschirm schaut, möchte sehen, was auf der Anzeige passiert, nicht dahinter. (Das gleiche Problem haben durchsichtige TV-Geräte.) Es ist weder konzentriertes Arbeiten noch ungestörtes Aufnehmen von Inhalten möglich, wenn andauernd etwas durchs Bild fliegt – oder das Bild selbst sich ununterbrochen bewegt. Wie häufig findet man sich im Alltag außerdem in Situationen wieder, in denen wirklich kein Platz ist, einen Laptop- oder Smartphone-Bildschirm zu benutzen? Muss man unbedingt die Hände frei haben? Und ist das überhaupt so oder bediene ich die Brille nicht trotzdem über Gesten oder per Maus und Tastatur? Wie groß ist der Vorteil einer solchen Bedienung letzten Endes wirklich?

Was einem durch die Werbung rund um die Brillen gezeigt wird, ist das Bild des High-Performers, der von Meeting zu Meeting springt und jetzt dank der Brille gleichzeitig mit Tokio telefoniert, die neuesten Kurse der New Yorker Börse in Echtzeit im Augenwinkel angezeigt bekommt und dabei gleichzeitig auf dem anderen Auge in Augmented Reality die Penthouse-Wohnung einrichtet, in der er gerade steht. Es hebe die Hand, wer sich hier repräsentiert und angesprochen fühlt.

Das heißt nicht, dass es gar keine Anwendungsfälle gibt. Die Teleprompter-Funktion stelle ich mir für Vorträge praktisch vor, wenn man sich einmal daran gewöhnt, dabei gleichzeitig durch die Textwand auch irgendwie das Publikum anzuschauen. Dann ist die Brille aber nichts anderes als das Mikrofon, das man für den Vortrag an die Wange geklebt bekommt und das man nach dem Vortrag wieder ablegt.
Auch im Einrichtungsdesign, der Architektur, vielleicht sogar in der Medizin sehe ich Potential. Was all diese Fälle gemeinsam haben, ist, dass die Brille dann ein Werkzeug ist, wie ein Maßband oder ein Stethoskop. Beides trage ich nicht im Alltag mit mir herum, geschweige denn auf meiner Nase. Vermarktet werden die meisten Brillen aber für den alltäglichen Gebrauch.

Nreal Light Sensoren
Diese Brille bietet Augmented-Reality-Features – schön ist sie aber nicht.

Und im Alltag gibt es dann eben doch zu viele Hindernisse. Ein Handy kann ich selbst am Ladekabel noch eingeschränkt nutzen, die Brille muss abgesetzt werden, wenn der Akku leer ist. Was machen Brillenträger mit Sehschwäche? Es gibt Smart Glasses, in denen Gläser mit Stärke eingesetzt werden können. Aber während des Ladens bin ich dann einfach für eine Weile wieder kurzsichtig, wenn ich keine zweite Brille dabei habe?

Irgendwo ist eine Brille außerdem auch immer ein Accessoire. Nicht jedem steht jede Rahmenform, manchen Gesichtern steht gar keine Brille. Und manche empfinden es auch einfach als unangenehm, überhaupt eine zu tragen. Mal ganz davon abgesehen, dass gerade in der Phase der Konzeptmodelle und des Ausprobierens, in der wir uns noch immer befinden, viele Modelle klobig und schwer sind. Von den dünnsten und leichtesten Brillen-Rahmen und -Bügeln sind sie weit entfernt.

OPPO Air Glass design
Hier ist die Brille vergleichsweise dünn – bis auf den massiven rechten Bügel und das zusätzliche Brillenglas.

Wenn jeder Mensch eine Kamera ist

Das absolute KO-Kriterium für die Brillen aber ist die häufig integrierte Kamera. Hier muss man nicht lange nach Gründen suchen: Niemand, wirklich niemand möchte im Gespräch mit einer anderen Person permanent eine Kamera ins Gesicht gehalten bekommen. Es ist dabei völlig unerheblich, ob die Kamera gerade aufnimmt und ob es eine Warn-LED gibt, die darauf hinweist. In privaten, zwischenmenschlichen Interaktionen möchte man sich nicht filmen lassen.

Einerseits gewöhnen wir uns immer mehr daran, ständig gefilmt zu werden. In Deutschland geht das langsamer als in den ost-asiatischen Ländern und Nordamerika, wo viel häufiger Menschen mit gezückten Smartphones filmend durch die Stadt laufen. Aber von jedem von uns existiert deutlich mehr Videomaterial als noch vor 20 Jahren.

Und das hat bereits Auswirkungen auf unser Sozialverhalten. Es gibt Erhebungen und Umfragen, die darauf hindeuten, dass besonders Jugendliche zum Beispiel seltener tanzen, aus Sorge, gefilmt und im schlimmsten Fall online zum Gespött zu werden. Sobald eine Kamera läuft, schaut potenziell die ganze Welt zu. Da hält man sich lieber zurück.

Viele werden das nachvollziehen können: Wenn in ausgelassenen Situationen, in denen man sich gehen lässt und sich nicht scheut, auch mal albern zu sein, auf einmal jemand sein Handy rausholt, nimmt das dem Moment schnell die Lockerheit. Peinliche Situationen können in dem Augenblick, in dem sie passieren, lustig sein; für immer auf Video festgehalten werden sie für die Betroffenen schnell unangenehm. Wer will schon sein Video von der Betriebsfeier im Büro herumgehen sehen?

Rokid Glasses AR Brille auf Gesicht
Würden Sie diesem Mann trauen?

Wir sind dabei, uns in eine Realität zu bewegen, in der alles, was wir machen, aufgezeichnet wird. Kameras hängen schon jetzt an öffentlichen Orten und gänzlich vermeiden, auf irgendwelchen Handy-Videos mindestens im Hintergrund aufzutauchen, kann niemand, der sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dass niemand ein vertrauliches Gespräch am Telefon einfach aufzeichnet, basiert bereits extrem auf Vertrauen. Das wird nochmal mehr auf die Probe gestellt, wenn die Person, die mir gegenübersteht, ein Aufnahmegerät mitten im Gesicht trägt. Ein echtes und ehrliches Vier-Augen-Gespräch ist so gar nicht mehr möglich, egal, ob die Kamera läuft oder nur laufen könnte.

Auch das Missbrauchs-Potential ist groß. Es gibt schon dokumentierte Fälle in Saunen und Freibädern, in denen Personen mit Smart-Glasses Badegäste gefilmt haben. Das Problem ist also bereits in der Gesellschaft angekommen und wir werden uns damit auseinandersetzen müssen.

Ich möchte an dieser Stelle jeden Leser bitten, sich eine Welt vorzustellen, in der nicht wie heute jeder ein Smartphone hat, sondern jeder Mensch eine solche Brille trägt. Das ist aus ganz vielen Gründen ziemlich unheimlich, aber man überlege sich einfach mal, welche Auswirkungen das auf unser Verhalten in der Öffentlichkeit hätte.

Jeder Mensch würde genauestens auf jedes Wort, jede Geste, jede Emotion achten müssen. Alles kann einem im Zweifelsfall falsch ausgelegt werden, wenn es einmal auf Video ist. Es geht hier nicht einmal um strafrechtlich relevante Dinge, wie in der Diskussion um die Überwachung des öffentlichen Raumes. Hier geht es nicht darum, dass man Angst hat, bestraft zu werden, weil man über eine rote Fußgängerampel gelaufen ist oder die Kaugummi-Verpackung neben den Mülleimer geworfen hat. Was ich privat sage, geht einfach niemanden etwas an, außer der Person, mit der ich rede. Vielleicht ist mir auch etwas total Banales einfach peinlich. Der Grund ist fast egal. Aber der Aufnahme kann man sich dann nicht mehr entziehen. Uns droht dann eine Epidemie der proaktiven Selbstzensur selbst bei komplett alltäglichen Tätigkeiten und Gesprächen.

Mensch oder Maschine? Wer darf diese Grenze ziehen?

Das muss nicht so kommen. Ich bin wie gesagt der Meinung, dass solche Brillen überhaupt nicht alltagstauglich genug sind, als dass die meisten Menschen bereit wären, eine zu tragen. Aber die Brillen stehen noch für einen anderen Trend als nur die allgegenwärtige Anwesenheit von Kameras und Mikrofonen, der weitergehen wird, selbst wenn die Brillen sich nicht durchsetzen. Sie sind ein Zeichen der zunehmenden und von der Tech-Branche geförderten Verschmelzung von Mensch und Technik.

Das ist gar nicht mehr so Science-Fiction, wie es auf Anhieb vielleicht klingt. Dass Technologien im Laufe ihrer Entwicklung näher an den Nutzer rücken, ist erst mal normal. Man schaue nur auf das Telefon. Das stand ursprünglich mal im Postamt oder an der Straßenecke, später in jedem Wohnzimmer. Dann wurde es kabellos; heute tragen wir alle eines in unserer Tasche mit uns herum. Genau genommen sind wir sogar schon weiter: Über Freisprecheinrichtungen und kabellose Kopfhörer führen wir bereits freihändig Telefonate, die Technik ist mehr oder weniger schon “unsichtbar”.

Und viele aktuelle Trends führen dazu, dass Technik und Körper enger zusammenwachsen. Fitness-Tracker überwachen unsere Körperfunktionen rund um die Uhr. In der Form von Smart-Ringen werden sie noch kleiner und unscheinbarer. Mit Smart Glasses verschmelzen Kamera und Bildschirm mit unseren Gesichtern zu einer Aufnahmeeinheit. Alexa und Siri leben in unseren Wohnzimmern (und immer öfter unseren Handys und Kopfhörern) und wir müssen nur ihren Namen aussprechen und erhalten die Antwort der unsichtbaren KI, die um uns herum existiert. Selbst für den Freizeitgebrauch werden Exoskelette entwickelt, die die Beinmuskulatur beim Laufen unterstützen sollen. Es gibt auch smarte Kleidung, in die Sensoren und leitfähige Fasern eingearbeitet sind. Alles soll so natürlich wie möglich in den Alltag integriert werden.

Eine letzte Grenze haben all diese Produkte noch nicht überschritten, denn man kann sie jederzeit einfach ablegen. Auch, wenn man das bei Fitness-Armbändern aufgrund der 24/7-Überwachung gar nicht will und Alexa und Siri ja bereits Mitbewohner sind.

Aber diese letzte Grenze droht zu fallen. Der Chip unter der Haut oder im Hirn, der nach Smart-Ring und -Brille der nächste Schritt ist, ist keine ferne Zukunftsvision mehr. Neuralink ist hier wohl der bekannteste Unternehmensname, und auch, wenn man dort aktuell vor allem an der Behandlung von Krankheiten mit den Chips forscht, braucht es nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was die Folgen sein könnten, sollte die Technologie massentauglich und für mehr als nur in der Medizin eingesetzt werden. Die Verschmelzung von KI und menschlichem Bewusstsein ist eines der erklärten Ziele, und das wäre selbst dann bedenklich, wenn der CEO nicht einer der gefährlichsten Menschen auf dem Planeten wäre. Der Transhumanismus ist generell im Silicon Valley eine verbreitete Ideologie, und angesichts der Möglichkeiten, die sich dahingehend gerade in Kombination mit immer besser werdenden KI-Modellen ergeben, reiben sich viele Tech-CEOs vorfreudig die Hände.

Ob es so weit kommt, dass wir uns in 20 oder 30 Jahren wie in Cyberpunk Chips in den Kopf und Kameras in die Augen einsetzen lassen, ist längst nicht sicher. Falls ja, dann liegt die Schuld daran nicht beim Hersteller einer Brille im Jahr 2026. Aber diese Produkte sind Wegbereiter einer Entwicklung, ob gewollt oder ungewollt. Nach und nach werden wir daran gewöhnt, dass unser Körper besser mit technischen Hilfsmitteln funktioniert.

Ständig mit dem Internet verbunden zu sein, haben wir bereits normalisiert. Jetzt folgt die Möglichkeit, alles und jeden jederzeit auf Bild und Ton aufnehmen und in jeder Lebenssituation mit einem KI-Sprachassistenten kommunizieren zu können. Google stieß mit Google Glass vor über zehn Jahren noch auf viel Ablehnung. Jetzt, wo in einem zweiten Anlauf immer mehr Hersteller vergleichbare Brillen auf den Markt bringen, fällt das negative Medien-Echo schon deutlich leiser aus.

Wer all dem entgegnet, das sei nun einmal der technologische Fortschritt, den es immer schon gegeben habe, und nichts anderes als der Buchdruck oder die Dampfmaschine, dem sei zu bedenken gegeben: Frühere Technologien haben Grenzen verschoben, aber sie blieben Werkzeuge. Man kann das Buch zuklappen und wieder per Hand schreiben; man kann die Maschine abschalten und wieder körperlich arbeiten. Selbst das Smartphone lässt sich – mit etwas Disziplin – weglegen. Es gibt ein Zurück.

Mit der aktuellen Entwicklung aber droht die Verschmelzung von Mensch und Technik endgültig zu werden. Sei es durch den Chip, der physisch fest im Gehirn sitzt, oder durch eine Datenbrille, die durch KI-Dauerbeschallung so tief in unseren Alltag hineinwächst, dass das Absetzen psychologisch und sozial gar keine Option mehr darstellt. Wir definieren gerade neu, wo der menschliche Körper und Geist enden und die Maschine beginnt. An diesem Punkt kommen wir um ethische und sogar philosophische Fragen nicht mehr herum. Eine Smart-Brille ist nicht das Ende der Menschheit. Aber vielleicht müssen wir das Wort irgendwann neu definieren.

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Jens

Aktuell interessiert mich vor allem das Thema E-Mobilität; die neuen E-Scooter erwarte ich mit Vorfreude. Als leidenschaftlicher Zocker freue ich mich auch über alle Gadgets mit Gaming-Bezug.

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