Rokid Glasses: AR-Brille mit Display im Test – Das schaffen weder Google noch Apple!
Tragbare Technik wird oder ist bereits der Tech-Trend der nächsten Jahre. Klar, sein Smartphone hat man eigentlich immer dabei, trotzdem nervt es einen mittlerweile auch irgendwie. Aber was wäre, wenn man die Kamera, die KI, Navigation, Musikwiedergabe oder Echtzeit-Übersetzung einfach auf seiner Nase tragen könnte? Diese Lösung versprechen zumindest die Rokid Glasses mit Display, durch die wir schon für ein paar Tage in unsere Zukunft schauen konnten.
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Inhalt
Eine für alle!
Ich bin kein Brillenträger, aber eins weiß ich: Eine Brille ist sehr individuell. Der Rahmen soll zum Gesicht passen, es gibt unendlich Farben, verschiedene Gläser und dann natürlich noch Sehstärke in unterschiedlichen Graden. Von den Rokid Glasses gibt es nur eine Version. Eine „Eine für alle“-Lösung ist mutig, gerade wenn z.B. die Meta Ray Ban schon in diversen Formen und Farben kommt. Für einen kleineren Hersteller wie Rokid ist das aber wahrscheinlich die wirtschaftlichere Herangehensweise, zumal man auch keine physischen Stores (in Europa) hat, wo potenzielle Käufer die Brille mal Probe tragen könnten.
Die Unboxing Experience ist durchaus gut, man bekommt ein schickes Etui (aber kein Ladecase) und immerhin ein zweites Paar Luft-Nasenpads, die etwas kleiner ausfallen. Das war es dann aber auch schon mit der Anpassung. Natürlich muss man sich zunächst auch die „Hi Rokid“-App installieren, um die Brille dann zu koppeln. Das funktioniert in meinem Fall problemlos, die Brille verbindet sich per Bluetooth und der erste Eindruck der App ist sehr positiv. Gute Übersetzung, übersichtliche Struktur und modernes Design – das ist also definitiv kein billiges China-Produkt, sondern ernstzunehmende Konkurrenz für Meta. Das darf man bei dem Preis aber auch erwarten.
Steht sie mir?
Die Brille selbst folgt dem beliebten „Wayfarer“-Design von Ray Ban und ist somit eher ein klassischer Sonnenbrillen-Rahmen. Das ergibt Sinn, so ist Platz für die Kameralinse im Rahmen rechts über den Gläsern. Der Rahmen ist schwarz, wiegt 49 g und es handelt sich um TR90, also um einen hochwertigen Kunststoff, der inzwischen wohl oft für Brillen benutzt wird. Einer der Vorteile ist dabei auch, dass das Material keine allergischen Reaktionen oder Hautirritationen hervorrufen soll. Die Verarbeitung ist meiner Einschätzung nach wirklich gut gelungen und die Brille wurde auch in Kooperation mit Bolon gefertigt – der Hersteller sagte mir bisher aber nichts. Die Scharniere wirken robust und bieten auch etwas Widerstand. Mit 49 g ist sie etwas leichter als die Meta Ray Ban, nach gut einer Stunde tragen merke ich aber einen leichten Druck auf meinen Ohren und muss sie neu ausrichten.
Einige meiner Kollegen mit Brille mussten beim Ausprobieren leider feststellen, dass sie das innenliegende Display nicht gut ablesen konnten. Für Brillenträger bietet der Hersteller auch die Möglichkeit zusätzlich einen Korrektionsgläserrahmen für 39€ zu kaufen, bei dem man dann Gläser mit der eigenen Sehstärke einsetzen lasen kann. Das geht wohl beim lokalen Optiker.
Das können die Rokid Smart Glasses
Smart Glasses sind natürlich nicht nur eine Brille, sondern auch smart. Das erfordert einiges an verbauter Hardware. Angetrieben wird die Brille vom Snapdragon AR1 Gen 1 Prozessor, einem extra für AR-Brillen entwickelten Chip aus dem Hause Qualcomm. Der unterstützt On-Device-KI und z.B. auch Livestreaming, ist aber auch nicht mehr der aktuellste SoC für AR-Brillen. Letztes Jahr wurde schon die leicht verbesserte Plus-Version veröffentlicht. Dazu kommen 2 GB RAM, 32 GB Speicher, ein 210 mAh großer Akku, WiFi 6, Bluetooth 5.3 und eine Displayprojektion, die bis zu 1500 nits erreicht.
Und das Display ist das, was die Rokid Smart Glasses von der hier erhältlichen Meta Ray-Ban unterscheiden. In den USA gibt es seit einiger Zeit aber auch eine Display-Variante, die hierzulande nicht erhältlich ist. Rokid arbeitet dabei mit so genannten Waveguides. Dabei ist im Rahmen eine Licht-Engine mit Micro-LED-Display verbaut, die das Bild auf das Waveguide-Display projiziert. Das Display leitet die Lichtstrahlen weiter und vergrößert das Bild, damit der Brillenträger das im Sichtfeld sehen kann. Das Problem: Die Displays sind in beiden Gläsern von außen gut sichtbar.

Das „Display“ ist dabei kein Vollfarbdisplay, sondern einfach neongrüne Schrift, die man dann räumlich sieht. Das erinnert ein bisschen an Matrix oder Rechner aus den 80ern, reicht zur Informationsdarstellung aber vollkommen aus. Das „Startbild“ kann man dabei mit bis zu vier Widgets frei anpassen, dazu kommen Akku-Anzeige, Empfang, Uhrzeit und Wetter. Die Helligkeit ist in 15 Schritten einstellbar, für die Nutzung bei Sonneneinstrahlung muss man schon im oberen Drittel der Einstellung sein. Bedienen kann man das über das kapazitive Feld am rechten Bügel. Mit Wischen kann man durchs Menü navigieren, was mit etwas Übung auch zuverlässig funktioniert. Aber was habe ich von dem Display?

Teleprompter
Ich kann die Brille beispielsweise als Teleprompter benutzen und so theoretisch auf Präsentationen durch eine gute Vortragsweise positiv auffallen. Dafür kann man eine Textdatei aus seinen Dateien einfügen oder selbst etwas schreiben. Die Schriftgröße und die Anzeige innerhalb des Displays lässt sich frei anpassen und auch automatisches Scrollen ist standardmäßig aktiv. Das heißt, die Brille merkt wo man im Text gerade ist und scrollt automatisch, was im kurzen Test auch überraschend gut funktioniert. Mein Gegenüber gab mir aber das Feedback, dass man das „Wandern“ der Augen stark sieht. Vielleicht erfordert das mehr Übung, aber für ein paar Notizen ist es sicher hilfreich.
Übersetzung/Untertitel
Man kann sich auch live Konversationen übersetzen bzw. transkribieren lassen. Zweiteres funktioniert mit einer leichten Verzögerung auch ziemlich gut, ist für mich im Alltag aber nicht weiter sinnvoll. Das könnte ich mir vielleicht für Menschen mit einem schlechten Gehör vorstellen, auch wenn die kleine Verzögerung eben auch zu verzögerten Antworten führen würde.

Die Übersetzungsfunktion ist in meinen Augen auch zufriedenstellend, was ich jetzt aber nur mit Englisch -> Deutsch testen konnte. Hier hängt es natürlich stark vom Input ab, bei mehreren Gesprächspartnern wurde es schnell unverständlich, bei klarer Aussprache war der Input gut und die Übersetzung entsprechend gut, was man inzwischen aber auch erwarten darf.
Navigation per Brille
Eine meiner meist genutzten Apps auf dem Smartphone ist sicherlich Google Maps. Daher finde ich für Smart Glasses generell die Navigationsfunktion extrem spannend, gerade wenn man z.B. mit dem Rad durch die Stadt fährt, wo man sich vielleicht noch nicht so gut auskennt. Dafür nutzt Rokid auch eine Google Maps Schnittstelle in der App, nur darüber kann man die Navigation starten. Im Brillenmenü gibt es dafür keine App, man kann die Navigation sonst per KI starten.

Leider finde ich die Navigation etwas unübersichtlich, da die eigene Ausrichtung nicht immer sofort erkannt wird. Hier muss man erstmal ein paar Schritte in eine Richtung gehen um zu bestätigen, dass man in die richtige Richtung geht. Dazu kommt, dass man die Displayhelligkeit generell sehr hoch einstellen muss, um überhaupt etwas zu erkennen.
Musik hören
Da die Brille auch Lautsprecher integriert hat, kann man sie als Bluetooth-Ausgabegerät nutzen und so z.B. Musik oder Podcasts über Spotify & Co. hören. Das habe ich im Testzeitraum etwas mehr gemacht als zunächst gedacht. Der Sound ist spürbar schlechter als mit meinen Kopfhörern oder eigentlich jedem Budget-TWS-Kopfhörer, weil er aufgrund der fehlenden Ohrabdeckung natürlich nicht so direkt ist. Bässe kommen zwar nicht durch, aber dieses passive Hören hat im Büroalltag oder im Straßenverkehr auch seine Vorteile. Auch das Bleeding – also, dass andere ungewollt mithören – fällt zumindest auf mittlerer Lautstärke nicht so schlimm aus wie gedacht.
„Hi Rokid“
Dank dem Snapdragon AR ist eben auch On-Device-AI möglich, so dass man hier auch mit dem Sprachassistent „Hi Rokid“ interagieren kann. Den kann man durch diese Begrüßung aktivieren und dann eigentlich alles mögliche fragen. Standardfragen wie „Wie warm wird es heute?“ oder „Wie hoch ist das größte Gebäude der Welt“ werden locker gemeistert. Interessant ist, dass man eben auch die Kamera als Informationsquelle nutzen kann und so vor dem Bürokühlschrank stehen und fragen kann: „Was kann ich mir hier raus kochen?“.
Die Rokid Smart Glasses erkennen die leider spärlich vorhandenen Zutaten im Kühlschrank und der KI-Assistent schlägt mir Nudeln mit dem Pesto vor, welches da wirklich steht. Nicht sonderlich kreativ, aber hey, cool ist das irgendwie schon. Ich kann sie auch bitten Apps auszuführen: „Navigier mich zum Café Extrablatt in Leverkusen“ startet die Navigation.
Ein kleines Problem ist dabei die Geschwindigkeit, manche Antworten dauern mir persönlich manchmal einen Ticken zu lang. Ich wüsste gern, ob der bessere Snapdragon AR1+ daran etwas geändert hätte. Auf der anderen Seite ist die Einstellung „Kontinuierliche Konversation“ zwar hilfreich für eine natürliche Konversation, sorgt aber auch dafür, dass gestartete Anfragen durch die kleinste Bemerkung von der Seite abgebrochen werden. Die Einstellung kann man aber auch deaktivieren. Die Rokid Display Glasses benutzen dafür wahlweise Gemini oder ChatGPT.
So gut ist die Kamera der Rokid Smart Glasses
Eine der Hauptfunktionen ist aber natürlich die Kamera der Rokid Glasses. Dafür verbaut der Hersteller einen 12 Megapixel Sony IMX681 Sensor mit 109° Sichtfeld sowie ƒ/2.25 Blende. Die Kamera soll stabilisiert sein, bietet HDR und Rauschunterdrückung. Mit der einzigen Taste an der Brille, die an der rechten Seite sitzt, lassen sich mit einem Klick Fotos aufnehmen oder mit einem Gedrückthalten Videos aufnehmen. Die haben eine Länge von bis zu einer Minute – außerdem kann man über die App auch RTMP-Livestreams aufnehmen. Praktisch ist, dass man über das Brillendisplay auch ein Viewfinder hat, so dass man das Foto auch korrekt ausrichten kann.
Ich habe die Brille aufgrund der Hitzewelle während des Testzeitraums größtenteils drinnen ausprobiert und da sieht man, dass die Kamera nicht die Stärke der Brille ist. Die Aufnahmen sind absolut brauchbar und ich mag diese POV-Perspektive für Instagram Stories oder Urlaubs-Content. Bei mehr Licht rauschen die Aufnahmen auch nicht so sehr. Insgesamt hat die Meta Ray-Ban hier aber leicht die Nase vorn und bietet hier die bessere Bildverarbeitung. Die Tonaufnahme ist dabei ebenfalls in Ordnung.
Wenn man ein Video aufnimmt, blinkt an der linken Seite eine kleine weiße LED auf, die anzeigt, dass man aufnimmt. Eine rote LED fände ich hier als Zeichen der Videoaufnahme für Außenstehende nachvollziehbarer. Immerhin merkt die Brille aber, wenn man die LED blockiert und nimmt dann nicht auf.
AliPay Bezahlung
In Deutschland nicht ganz so relevant, in China dafür umso mehr: Mit der smarten Brille von Rokid kann man auch bezahlen! Das geht in dem Fall über Alipay, aber ganz ohne NFC. In China ist Alipay Gang und Gäbe und funktioniert über QR-Codes, die man mit der Kamera einfach scannen kann. Das entsprechende Alipay-Konto muss dann über die App verknüpft werden, was ich aber leider nicht ausprobieren konnte.
Das größte Problem: der Akku
Die Idee so einer Brille ist theoretisch ja, dass man damit seinen Alltag smart bestreitet und mit Kamera, Navigation, Musik hören oder Übersetzen theoretisch bestens für einen Städtetrip ausgestattet ist. Dafür würde ich also mal mindestens acht Stunden Laufzeit für einen „ganzen Tag“ Nutzung erwarten – da ist die Technik aber noch nicht. Dafür verbaut der Hersteller einen 210 mAh großen Akku, der vier bis sechs Stunden durchhalten soll.
In der Praxis fällt die Laufzeit noch mal spürbar kleiner aus. Wer nur Musik damit hört, könnte auf die vier Stunden kommen. Wenn man aber das Display auf hoher Helligkeit hat, viel filmt oder den Teleprompter nutzt, kann dem Akkustand beim Schrumpfen zu sehen. Ich denke zwei bis drei Stunden Nutzung am Stück sind realistisch, dann muss man mit dem mitgelieferten Pogo-Ladeadapter per USB-C laden. Ein Ladecase ist nicht im Lieferumfang, das muss man sich für 99€ nachbestellen. Dafür beherbergt es einen 3.000 mAh Akku.
Überraschend gute App
Mit der „Hi Rokid“-App für Android & iOS gibt es die passende Begleitsoftware zur Brille. Die finde ich insgesamt ziemlich gelungen, da sie eine leichte Übersicht über alle Funktionen und viele Einstellungsmöglichkeiten für die Brille gibt. Dabei könnt ihr zum Beispiel den Sichtbereich der Brille, die Sprechgeschwindigkeit, das KI-Modell, Soundeffekte oder die Interaktion mit der Brille einstellen. Mir ist im Test ehrlicherweise nichts aufgefallen, was mir noch in der App fehlen würde, zudem ist sie gut auf Deutsch übersetzt und bietet auch die Historien der Transkripte und KI-Interaktionen sowie die Galerie, so dass man nicht direkt alle Fotos in seiner Handygalerie hat.
Fazit: Rokid Smart Glasses kaufen?
Anders als einige meiner Teamkollegen bin ich ein Fan von smarten Brillen. Klar, dass man nicht ohne Erlaubnis gefilmt werden sollte, ist für mich dabei selbstverständlich und ich finde auch gut, dass Rokid das Aufnehmen anzeigt. Wenn ich an Wearable Tech denke, dann denk ich an eine Kombi aus Smartwatch und Brille und die Rokid Smart Glasses sind die beste AR-Brille, die ich bisher getestet habe. Das liegt allein daran, dass sie das integrierte Display hat, dass sie eigentlich alle Funktionen bietet, die ich erwarte und das sie im Gesamtpaket insgesamt gut funktioniert. Ja, ich glaube, dass so die Zukunft aussehen könnte und Rokid ist als relativ kleiner Player da weiter als Google oder Apple, das muss man erstmal schaffen.
Trotzdem gibt es da noch einige Probleme, bevor man die Brille – oder generell so eine Brille – empfehlen kann. Die Akkulaufzeit ist zu gering, es gibt kein Ladecase im Lieferumfang, die Displays sind von außen sichtbar und es ist ein „One size fits all“-Design. Dazu kommen manchmal leichte Mikrofonprobleme sowie der Chip, der vielleicht noch etwas schneller sein könnte.
Für eine UVP von 699€ sind sie ähnlich teuer wie die Meta Ray-Ban mit Display, die in den USA für 799 USD an den Start gehen. Ohne diese getestet zu haben, können die sich mit Blick auf Funktionsumfang und Datenblatt insgesamt messen. Weitere Konkurrenz gibt es von Even Realities, die mit der G2 eine ähnliche Ausstattung, aber immerhin zwei verschiedene Rahmen bieten. Ich würde keinem empfehlen, sich aktuell so eine Brille zu kaufen. Das ist alles noch so früh in der Entwicklung, dass es leider eine sehr teure Spielerei ist. Wer einen Schritt in die Richtung der smarten Brillen wagen will, sollte sich erstmal eine Meta Ray-Ban anschauen oder die neuen Meta Glasses anschauen, die für gerade mal 300€ starten – wenn man kein Problem mit dem Meta-Konzern hat.
Quellen:
FAQ: Häufige Fragen zur Rokid Glasses beantwortet
Gibt es die Brille in verschiedenen Designs oder Größen?
Nein, aktuell gibt es nur ein einziges Modell im klassischen, schwarzen „Wayfarer“-Sonnenbrillen-Design („One size fits all“). Da Rokid in Europa keine physischen Stores zum Anprobieren hat, ist das Anpassen auf verschiedene Gesichtsformen kaum möglich. Für einen besseren Sitz liegen dem schicken Etui immerhin zwei verschiedene Größen an Luft-Nasenpads bei.
Können auch Brillenträger die Rokid Glasses nutzen?
Für Brillenträger ist das integrierte Display ohne Anpassung oft schwer abzulesen. Rokid bietet dafür jedoch eine Lösung: Für 39 € kann man einen zusätzlichen Korrektionsgläserrahmen kaufen. In diesen lässt sich beim lokalen Optiker die eigene Sehstärke einsetzen.
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