Blitzer-Warner sind zurecht verboten – dass sie trotzdem so beliebt sind, ist traurig!
Im Jahr 2024 verzeichnete das Kraftfahrt-Bundesamt 2,4 Millionen registrierte Geschwindigkeitsverstöße. Dabei handelt es sich nur um diejenigen, die auch einen Punkt in der Flensburger Kartei nach sich zogen. Hochrechnungen gehen insgesamt von etwa 10 Millionen Strafen wegen erhöhter Geschwindigkeit im Jahr aus. Deutsche Autofahrer haben allem Anschein nach ein Problem mit Tempolimits.
Nun könnte man sagen: Gut, dass es die Kontrollen gibt. Würde es nicht wenigstens hier und da mal im Portemonnaie wehtun, würden viele sicher noch häufiger zu schnell fahren. Und genau da kommt ein ganz perfides Gadget ins Spiel, mit denen sich viele der Strafe zu entziehen versuchen: Sogenannte “Blitzer-Warner”. Diese gibt es in unterschiedlicher Form und Funktionsweise, und in jeder davon ist die Nutzung zur Warnung vor Kontrollen während der Fahrt gesetzlich verboten.
Trotzdem weisen die Geräte hohe Verkaufszahlen auf; entsprechende Apps haben Download-Zahlen in Millionenhöhe und in einer Umfrage gibt sogar knapp ein Drittel der Befragten an, entsprechende Blitzer-Warner zu benutzen. Eine rechtliche Sonderstellung genießen die Warnungen vor mobilen Geschwindigkeitskontrollen, die viele Radiostationen herausgeben. Was ist da los? Warum haben anscheinend Millionen von Autofahrern beschlossen, dass bestimmte Regeln und Gesetze für sie nicht gelten?
Um es kurz zu machen: Die Geräte und Apps gehören geächtet, sie sind zurecht verboten und kein Autofahrer sollte sie benutzen. Moralisch am schwersten wiegt bei der Nutzung nicht einmal die Geschwindigkeitsübertretung selbst, sondern die Fülle an Ausreden, die sich Raser ausdenken, um zu rechtfertigen, warum sie selbstverständlich ein solches Gerät nutzen dürfen.
Inhalt
Die tödlichen Folgen zu schnellen Fahrens
Im Jahr 2024 kamen in Deutschland im Straßenverkehr 2.780 Menschen ums Leben. 363.000 Menschen wurden verletzt, etwa 50.300 davon schwer. Erhöhte Geschwindigkeit ist die Hauptursache für schwere Verkehrsunfälle; Schätzungen gehen davon aus, dass 25-30% aller Unfälle zu hohe Geschwindigkeit als Ursache haben. Das sind mehrere hundert Tote und über zehntausend Schwerverletzte jedes Jahr, denen dieses Schicksal erspart bleiben könnte, würden sich mehr Menschen an Tempolimits halten.
Trotzdem gilt zu schnelles Fahren immer noch als Kavaliersdelikt. Die registrierten Strafen machen nur einen Bruchteil der Fälle aus, die tatsächlichen Verstöße gegen das Tempolimit sind um ein Vielfaches häufiger. Nur geschätzt jeder 500. bis 1000. Verstoß wird wirklich geahndet. Denn auch mit 60 durch die 50er-Zone zu rollen, während das um einen herum alle anderen ebenso tun, ist genau genommen natürlich ein Verstoß.
Zu schnell fahren ist eine Sache – sich der Strafe zu entziehen eine andere
Ich will hier direkt mal verbal auf die Bremse treten und klarstellen: Deshalb sind nicht alle diese Autofahrer schlechte Menschen. Während man sich natürlich jederzeit so verhalten sollte, dass einem ein hypothetischer, auf dem Rücksitz mitfahrender Prüfer wieder den Führerschein ausstellen würde, sieht die Realität nun mal so aus, dass man ein Schild auch mal übersieht. Fehler und Unachtsamkeiten passieren. Darum geht es nicht.
Es geht nicht einmal darum, dass es oft auch gar keine “Fehler” sind, sondern ein bewusstes Ignorieren der Höchstgeschwindigkeit. Auch darüber könnte man eine Diskussion führen. Die durchschnittliche Geschwindigkeit in vielen Tempo-30-Zonen liegt deutlich über dieser Marke. Aber wisst ihr was? Macht selbst das, wenn ihr der Meinung seid, ihr hättet die volle Kontrolle über euer Fahrzeug und die 10 km/h würden schon keinen Unterschied machen, wenn dann mal wirklich ein Ball auf die Straße rollt. Schlimm genug, aber ein anderes Thema, um das es ebenfalls nicht geht.

Worum es geht und was mich wirklich stört, ist die schiere Arroganz, die damit einhergeht, ein Warnsystem für Geschwindigkeitskontrollen zu nutzen. Denn das sagt nicht: “Ich mache ab und an mal Fehler und übersehe ein Verkehrszeichen.” Es sagt auch nicht “Ich fahre auch schnell noch sicher; die meisten Tempolimits sind eh zu streng.”
Sich einen Blitzer-Warner ans Armaturenbrett zu klemmen bedeutet, der Meinung zu sein, dass man für das Vergehen, ob bewusst oder unbewusst, nicht belangt werden darf. Dass man über dem Gesetz steht. Der Fehler ist nicht die Geschwindigkeitsübertretung, sondern die Kontrolle. Die Schuld wird abgewälzt, vom Täter auf denjenigen, der die Tat beobachtet.
Und noch viel verwerflicher wird es bei Warnsystemen mit Community-Funktion. Hier entziehe ich mich nicht nur selbst der Verantwortung, ich helfe sogar Tausenden anderen, ohne Angst vor Konsequenzen rasen zu können. Lässt es sich wirklich damit leben, zu wissen, dass der Verursacher eines Unfalls mit Todesfolge womöglich die gleiche App nutzt wie man selbst? In der man am Tag zuvor sogar selbst noch vor einer Kontrolle gewarnt hat? Wie fühlt sich das an?
Bei welcher anderen Ordnungswidrigkeit oder Straftat (ja, zu schnelles Fahren ist unter bestimmten Voraussetzungen auch das) würden wir diese Menge an Gehirnakrobatik, Verdrehung der Realität und Verschiebung von Schuld akzeptieren?
Es gibt keine Argumente für einen Blitzer-Warner – aber viele dagegen
Und damit fallen auch alle Argumente der Befürworter von Blitzer-Warnern in sich zusammen. „Manchmal macht man nun mal Fehler; ich will dich mal sehen, wie du jeden Tag perfekt jede Regel einhältst”, las ich erst kürzlich. Stimmt, jeder macht mal Fehler.
Aber wie gering ist die Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet in diesem einen Moment des Fehlers auch geblitzt zu werden? Fast Null. Es sei denn, es geht gar nicht um gelegentliche Fehler, sondern es passieren auf jeder Fahrt ganz schön viele. Oder noch wahrscheinlicher, es sind keine Fehler, sondern bewusstes Zu-Schnell-Fahren.
Überhaupt sehe ich dieses „Man macht mal Fehler”-Argument kritisch. Darf auch ein Busfahrer Fehler machen? Der, der eure Kinder zur Schule fährt? Darf ein Pilot Fehler machen? Oder nur ein einfacher Autofahrer? Was, wenn der noch vier Beifahrer mit dabei hat?
Ja, Fehler zu machen ist menschlich und sie lassen sich nie ganz vermeiden. Aber wer mit diesem Argument einen Blitzer-Warner nutzt, versucht das ja gar nicht mehr. Die Verantwortung für den Fehler bzw. das zu schnelle Fahren wird abgegeben und als höhere Gewalt abgetan, der man ausgeliefert sei. Wem nicht kontrolliert zu werden wichtiger ist als sicheres Fahren, der sollte überhaupt kein Fahrzeug mehr bedienen dürfen.
„Die wollen uns doch nur abzocken, sonst würden sie hier ja nicht blitzen.” Ah, das Wutbürger-Argument. Klingt ungefähr so, wie sich über den Ladendetektiv aufzuregen, der einen gerade beim Klauen erwischt hat. „Letzte Woche war der noch nicht da. Woher soll ich denn wissen, dass der hinter der nächsten Ecke auf mich wartet?”
„50 ist an dieser Stelle total unnötig. Ich fahre die Strecke andauernd und 70 ist hier wirklich nicht gefährlich!” Wer entscheidet das? Schön, wenn man das selbst so sieht. Dann fahr halt 70. Aber beschwer dich doch nicht, wenn du dann erwischt wirst.
Ich laufe auch mal über eine rote Ampel, wenn ich der Meinung bin, „hier kommt eh kein Auto“. Im Kern ist das das gleiche Verhalten und daher kann ich mich moralisch überhaupt nicht über andere erheben. Manchmal meint man halt, man wüsste es besser. Aber deshalb komme ich doch nicht auf die Idee, die Strafen für Über-Rot-Gehen abzuschaffen. Ich kann bewusst gegen eine Regel verstoßen, aber muss dann eben akzeptieren, wenn ich dafür zur Rechenschaft gezogen werde. Wenn gar nichts mehr geahndet wird, können die Regeln ja alle weg.
Alle diese Argumente sind vorgeschoben. Es gibt genau ein ehrliches Argument für einen Blitzer-Warner im Auto: “Ich will machen können, was ich will, und verhindern, dass mich dabei jemand erwischt.”
Es gibt eine passende Bezeichnung für Menschen mit dieser Einstellung, die mir da in den Sinn kommt. Die spare ich mir an dieser Stelle, aber ich bin froh, dass nicht jeder in unserer Gesellschaft jederzeit so denkt.
Blitzer-Warner sind asozial im wahrsten Sinne des Wortes
Wird dieser Text irgendjemanden überzeugen? Vermutlich nicht. Wenn ich mir die Kommentarspalten ansehe, sehe ich verhärtete Fronten zwischen denen, die gerne zu schnell fahren und über Blitzer schimpfen und jenen, die dem entgegnen, man solle sich halt einfach ans Tempolimit halten (was zugegeben aber auch ein verdammt guter Tipp ist). Sich einzugestehen, dass man auf der falschen Seite steht und den Blitzer-Warner in den Müll zu schmeißen, erfordert Größe.
Wir Deutschen lieben unsere Autos. Wir räumen ihnen den Großteil der Flächen in unseren Städten und Autofahrern viele Rechte und Freiheiten ein. Aber in Städten leben Menschen und Tempolimits sorgen für Sicherheit. Das ist erwiesen und das sehen ja sogar die meisten Menschen mit Blitzer-Warner im Auto irgendwo ein. Warum dann die Ausreden?
Wir können gerne über Bußgelder diskutieren. Sind sie zu hoch oder noch zu niedrig? Vielleicht ist auch nicht jedes Tempolimit angemessen. Viele Strecken lassen höhere Geschwindigkeiten als 50 zu, während manche 30er-Zone besser eine Spielstraße wäre. Um all das geht es in diesem Text nicht.
Solange wir uns alle den öffentlichen Raum, unsere Fuß- und Radwege und Straßen teilen, brauchen wir hierfür Regeln. Auf die müssen wir uns als Gesellschaft gemeinsam einigen. Und solange diese Regeln gelten, ist ein Blitzer-Warner, der sie bewusst umgeht, nach jeder Definition des Wortes asozial.
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