SolidCraft Hands-On: Der Hype um den gratis Fusion360-Klon – droht schon die Klage?
„Guck mal, das ist wie Fusion360, aber sogar einfacher und auf Deutsch!“ Unser Makerspace-Kollege Jürgen brachte uns letzte Woche auf eine Software, die in der Maker-Szene aktuell durch die Decke geht. Die Rede ist von SolidCraft, einem Open-Source-CAD-Programm, das sich nicht nur optisch, sondern auch funktional extrem stark am Branchenprimus von Autodesk orientiert. Innerhalb kürzester Zeit hat sich das Tool in Version 0.30.1 als kostenloser Hype etabliert. Wir haben das Programm, das ihr ohne Anmeldung auch direkt im Browser nutzen könnt, kurz angetestet– und werfen einen Blick auf ein drohendes juristisches Beben.
- SolidCraft (Open-Source CAD Software, v0.30.1)
- Kostenlos verfügbar für Windows, macOS, Linux, FreeBSD & als Browser-Version
- Hier geht’s direkt zum Download (solidcraft.io)
SolidCraft: Warum alle über den Rust-basierten Klon sprechen
Wer 3D-Druck betreibt und eigene Modelle konstruieren möchte, landet über kurz oder lang meist bei Autodesk Fusion360 (ja, natürlich gibt es auch FreeCad, Onshape und Co.). Das Programm ist für Privatanwender zwar kostenlos, nervt aber zunehmend mit Registrierungszwängen, Cloud-Bindung und einer immer weiter eingeschränkten Feature-Liste. Wer die Vollversion will, zahlt mittlerweile stolze 680 US-Dollar pro Jahr. Genau hier grätscht SolidCraft dazwischen.

Die Software ist komplett in der Programmiersprache Rust geschrieben und portiert mit „SolidCore“ die quelloffene C++ Geometrie-Bibliothek SMLib von NVIDIA. Das Resultat ist ein flottes, parametrisches CAD-Programm, das sowohl als Desktop-App als auch direkt im Browser läuft. Keine Cloud-Falle, keine Abo-Modelle, keine Zwangs-Logins.
Wer von Fusion360 kommt, wird sich in SolidCraft sofort blind zurechtfinden. Die Ähnlichkeiten im User Interface (UI), dem Feature-Baum (Browser-Strukturbaum links und horizontale Zeitleiste unten) und den Icons samt Beschriftungen sind derart frappierend, dass man stellenweise das Gefühl hat, einen 1:1 Klon vor sich zu haben. Kein Wunder, denn die Entwickler haben hier im Grunde das gemacht, was gerade besonders populär ist: Reverse Engeneering von eigentlich teurer Software unter Zuhilfenahme von KI.
Hintergrund: Was ist Reverse Engineering mittels KI?
Aktuell überschwemmen immer mehr Open-Source-Klone das Netz. Die Technik dahinter nennt sich Reverse Engineering mittels Künstlicher Intelligenz. Statt eine Software über Jahre mühsam von Grund auf zu programmieren, füttern clevere Entwickler moderne KI-Modelle einfach mit Screenshots und Funktionsbeschreibungen bekannter Programme. Die KI schreibt daraufhin den passenden Quellcode, um das Design und die Workflows nahezu 1:1 nachzubauen. Auf exakt diese Weise entstanden zuletzt bereits Tools wie PhotoCraft (ein Klon von Adobe Photoshop) oder Nachbauten von Microsoft Word. Die KI erledigt die Programmierarbeit, während die Entwickler die fertigen Bausteine nur noch zusammensetzen und verfeinern.
Hands-On: Erstaunlich robust, aber mit Macken
Wir haben uns SolidCraft kurz einmal genauer angesehen. Damit die Ähnlichkeiten zu Autodesk nicht ganz zu dreist ausfallen, fehlt beispielsweise der typische Ansichts-Würfel oben rechts. Auch bei den Begrifflichkeiten wurde die deutsche Übersetzung leicht umgeschrieben: Die bekannte Funktion „Erhebung“ heißt hier „Loft“, das „Sweeping“ wird als „Führen“ betitelt.
Praxis-Eindruck:
Alle üblichen Funktionen rund um das Erstellen von Skizzen, das Extrudieren oder das Setzen von Abhängigkeiten (Constraints) funktionieren anstandslos. Für eine so junge Software (Version 0.30.1) ist das Programm enorm robust! Es gibt jedoch noch kleinere Bugs. Beim Import einer STEP-Datei wurde diese bei uns um 90 Grad gedreht. Auch das nachträgliche Löschen einer bereits abgerundeten Ecke per Zeitleiste funktionierte in unserem Test nicht sauber.
Teilweise unterscheidet sich der Workflow aber auch minimal von Fusion360: Wollen wir z.B. ein und dieselbe Geometrie (oder ein daraus extrudierendes Loch) nicht 4 mal einzeln konstruieren, nutzen wir die Funktion „Rechteckige Anordnung“. Die findet sich bei Fusion360 direkt im „Erstellen“-Tab, wohingegen sie bei SolidCraft direkt in den Skizzenoptionen auftaucht (Nicht zu verwechseln mit der Funktion „Muster“, die ausschließlich für Modelle und Funktionen gilt, nicht für Skizzen).
Ein Highlight von SolidCraft ist die KI-Anbindung. Über das „Model Context Protocol“ (MCP) könnt ihr einen KI-Agenten anbinden, der eure Konstruktionen steuert, Maßänderungen vornimmt oder Modelle auf Zuruf exportiert. Das ist zwar auch in Konkurrenten wie FreeCAD möglich, doch deren unintuitive Oberfläche schreckt viele Maker (mich eingeschlossen) ab. Die KI-Kopplungsfunktion werde ich auf jeden Fall mit meinem Qwen-Modell ausprobieren.
Einschätzung: Genialer Wurf, aber wie lange noch?
Was der Entwickler (oder die kleine Gruppe um den Entwickler „Jyviko“) hier quasi als Nebenprojekt auf die Beine gestellt hat, nötigt uns höchsten Respekt ab. Chapeau! Wer den Schritt von Tinkercad wagen möchte oder die Gängelei bei Fusion 360 satthat, sollte sich SolidCraft definitiv anschauen. Natürlich fehlen noch komplexe Industrie-Features wie Simulationen oder CAM-Module für CNC-Fräsen, aber für den normalen 3D-Druck-Alltag reicht das Gebotene eigentlich schon aus.
Der große Elefant im Raum bleibt jedoch das Urheberrecht. Eine Benutzeroberfläche (UI) und die spezifische Anordnung von Workflows sind eben auch geistiges Eigentum. Gerade nach EU-Recht kann ein Interface als eigene geistige Schöpfung (Werk) geschützt sein. Dass SolidCraft die Menüstrukturen und Workflows von Fusion360 nahezu identisch kopiert hat, könnte sehr schnell die Anwälte von Autodesk auf den Plan rufen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein zu offensichtlicher UI-Klon per Unterlassungsklage vom Netz genommen wird.
Bis dahin bleibt SolidCraft jedoch der spannendste CAD-Release des Jahres.
Bleibt ihr trotz der Einschränkungen bei Fusion360, habt ihr euch in FreeCAD eingearbeitet oder gebt ihr dem neuen SolidCraft eine Chance? Schreibt es in die Kommentare!
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