Bambu Lab vs. Stratasys eskaliert: 27-Millionen-Urteil und ein krasser Patent-Konter
Im August 2024 hatten wir berichtet, dass der Industrie-Pionier Stratasys den damaligen Shootingstar Bambu Lab wegen angeblicher Verletzung von zehn Patenten auf Schadenersatz und Verkaufsstopp verklagt hatte. Jetzt, gut zwei Jahre später, überschlagen sich die Ereignisse vor den US-Gerichten. Eine texanische Jury verdonnerte Bambu Lab am 17. September 2026 zu einer saftigen Strafe von 27,6 Millionen US-Dollar.
Doch geschlagen geben sich die Chinesen keineswegs: Nur wenige Tage nach dem Urteilsspruch schlug Bambu Lab beim US-Patentamt (PTAB) zurück und ließ gleich reihenweise zentrale Patentansprüche von Stratasys für ungültig erklären. Für Besitzer der beliebten X1-, P1- und A1-Drucker gibt es vorerst Entwarnung, denn ein Verkaufsverbot lehnte der zuständige Richter ab. Wir fassen die aktuellen Streitigkeiten rund um Reinigungstürme, RFID-Spulen und Druckbett-Sensoren für euch zusammen.
Inhalt
Die wichtigsten Patente im Überblick
| Patent & Technik | Status & Urteil |
| ’713 (Purge Tower beim Farbwechsel) | Jury sah Verletzung (14,2 Mio. $ Schaden); Patentamt stützte Patent; Bambu in Berufung |
| ’357 (Werkzeugpfad-Generierung) | Jury sah Verletzung (10,6 Mio. $ Schaden); Neuprüfung beim Patentamt läuft |
| ’698 & ’381 (Kraftsensorik an der Nozzle / A1-Serie) | Jury sah Verletzung (2,8 Mio. $); Patentamt erklärte relevante Ansprüche am 29.09. für ungültig! |
| ’466 & ’464 (AMS RFID-Spulenerkennung) | Noch nicht verhandelt; Kernansprüche von ’466 am 05.10. vom Patentamt für nichtig erklärt |
| ’774 (Bambu Studio Filament-Sync) | Noch nicht verhandelt; alle angegriffenen Ansprüche am 28.09. vom Patentamt gekippt |
| ’660 (Beheiztes Bett & Wechselplatte) | Nicht vor Jury gelandet; Patentamt erklärte alle Ansprüche bereits im Juni für ungültig |
Der Schock aus Texas: 27,6 Millionen Dollar Strafe
Mitte September 2026 sah es für Bambu Lab zunächst düster aus. Das Bundesbezirksgericht in Texas – bekannt für seine patentinhaberfreundlichen Urteile – entschied, dass Bambu Lab vorsätzlich sechs Ansprüche aus vier Stratasys-Patenten verletzt habe. Die Jury sprach Stratasys eine Summe von 27,6 Millionen Dollar zu.
Der Löwenanteil dieser Summe (14,2 Millionen Dollar) entfällt auf das Patent ’713, welches das Drucken von Spültürmen (Purge Towers) beim Materialwechsel regelt. Weitere 10,6 Millionen Dollar entfallen auf die Berechnung von Werkzeugpfaden (’357), während die restlichen 2,8 Millionen Dollar auf Patente zur Druckbettnivellierung über die Düse (unter anderem verbaut in der A1- und A1-Mini-Reihe) entfallen.

Die für Endkunden wichtigste Nachricht lautet jedoch: Ein sofortiger Verkaufsstopp für X1-, P1- oder A1-Drucker wurde vom Richter abgelehnt. Auch eine Verdreifachung des Schadenersatzes wegen vorsätzlicher Verletzung lehnte das Gericht ab.

Der Gegenschlag: Open-Source-Foren kippen Stratasys-Patente
Wer dachte, Bambu Lab würde klein beigeben, unterschätzte die Rechtsabteilung der Chinesen. Parallel zum Gerichtsprozess zog Bambu Lab vor das US-Patentamt (USPTO) und dessen Beschwerdekammer (PTAB). Das Ziel: Den Patenten von Stratasys die rechtliche Grundlage entziehen. Und genau hier wendete sich das Blatt deutlich.
Zwischen dem 28. September und dem 5. Oktober 2026 erklärte das PTAB entscheidende Ansprüche aus gleich vier Stratasys-Patenten für unpatentierbar. Besonders pikant: Bei den beiden Patenten zur Nivellierung via Düse (’698 und ’381), für die Bambu Lab kurz zuvor noch zu 2,8 Millionen Dollar verurteilt worden war, stützte sich das Patentamt auf den Nachweis von Vorwissen („Prior Art“) aus einem uralten Thread des legendären RepRap-Open-Source-Forums! Die Idee war also längst in der Maker-Community dokumentiert, bevor Stratasys sie patentieren ließ.

Auch bei der noch ausstehenden zweiten Klage bröckelt das Fundament von Stratasys gewaltig: Das Patent ’774 (das den automatischen Filament-Abgleich in Bambu Studio betrifft) verlor alle Ansprüche, und beim Patent ’466 (das RFID-Auslesen im AMS) wurden die zentralen Punkte ebenfalls kassiert.
Warum die gesamte 3D-Druck-Branche heimlich Bambu Lab anfeuert
Auch wenn Bambu Lab durch die aktuelle Firmenpolitik zu Ungunsten der Open-Source-Gemeinde in Verruf geraten ist und bei Konkurrenten wie Creality, Anycubic, Elegoo oder Prusa gefürchtet ist, dürften die Chefetagen dieser Hersteller aktuell geschlossen hinter Bambu stehen.
Der Grund: Fast alle modernen Desktop-Drucker nutzen heute PEI-Federstahlplatten, Nozzle-Sensoren für automatische Nivellierung, RFID-Tags oder Spültürme für den Mehrfarbdruck. Hätte Stratasys mit diesen weit gefassten Patenten endgültig triumphiert, hätten allen Herstellern teure Lizenzforderungen oder US-Verkaufsverbote gedroht. Indem Bambu Lab diese Patente Stück für Stück zerlegt, leistet das Unternehmen ironischerweise Schützenhilfe für die gesamte Consumer-Industrie.

Einschätzung: Ein jahrelanger Zermürbungskrieg
Das Urteil über 27,6 Millionen Dollar klingt gewaltig, ist aber nur eine Momentaufnahme. Die Entscheidungen des Patentamts heben das Urteil zwar nicht automatisch auf, liefern Bambu Lab aber mächtige Hebel für die anstehenden Berufungsverfahren vor dem US Court of Appeals for the Federal Circuit. Beide Parteien haben angekündigt, bis zur letzten Instanz zu kämpfen.
Für Stratasys entwickelt sich der Rechtsstreit zunehmend zum Bumerang: Statt den boomenden Desktop-Markt über Lizenzgebühren nachträglich zu melken, verliert der Konzern im Eiltempo seine eigenen gewerblichen Schutzrechte. Für Besitzer von Bambu-Lab-Hardware ändert sich in der Praxis vorerst gar nichts. Der Fall beweist jedoch einmal mehr, wie fragwürdig das US-Patentsystem agiert, wenn grundlegende Open-Source-Technologien nachträglich monopolisiert werden sollen. Genau zu beobachten wird dabei in der Zukunft aber auch sein, wie Bambu Lab selbst mit eigenen Patenten und deren Handhabung durch Mitbewerber umgehen wird – denn in Sachen Patentanmeldungen ist der 3D-Druck-Gigant aus China ganz vorne mit dabei.
Was sagt ihr zu der Sache? Gönnt ihr Bambu Lab den Erfolg beim Patentamt oder seht ihr Stratasys im Recht, sein geistiges Eigentum zu schützen? Schreibt es uns in die Kommentare!
Quelle(n):
- US District Court for the Eastern District of Texas (Urteil vom 17. September 2026)
- 3dprintingindustry.com
- All3DP
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